Interviewserie – Teil 2

 Es geht um die Bildungspolitik: Teil zwei der Interviewserie mit Barbara Pfeuffer, der Direktkandidatin der Grünen

SCHWEINFURT / KITZINGEN – Die Grünen – kaum ein andere etablierte Partei ist so umstritten. Engagierte Klimaretter oder einfach nur selbstgefällige Moralapostel? Progressive Gestalter oder naive Multikulti-Idealisten? Grund genug, Barbara Pfeuffer, der Direktkandidatin für den Wahlkreis Schweinfurt/Kitzingen bei der Bundestagswahl am 24.09. in einer vierteiligen Interviewserie genauer auf den Zahn zu fühlen.

Im zweiten Teil unserer Interviewserie nimmt Frau Pfeuffer zu dem Themenkomplex „Bildung – von der Grundschule bis zum Berufsabschluss“ Stellung. Als Lehrerin, Diplom-Psychologin im Schuldienst und dreifache Mutter ist dieses Thema ihr absolutes Spezialgebiet.

Haben Sie Fragen an Frau Pfeuffer? Für direkte Fragen erreichen Sie Frau Pfeuffer per e-mail unter barbara.pfeuffer@gruene-unterfranken.de – ansonsten können Sie ihre Fragen natürlich auch in Kommentarform stellen. Frau Pfeuffer wird ihre Fragen in einem Interviewspecial zum Abschluss dieser Serie beantworten.

Barbara, Bildungspolitik ist als Diplom Psychologin im Schuldienst und gelernte Fachlehrerin dein Themenschwerpunkt. Du selbst stammst aus eher einfachen Verhältnissen und hast nach Realschule und Fachlehrerausbildung zunächst an verschiedenen Grund- und Hauptschulen in den Landkreisen Kitzingen und Würzburg gearbeitet, bevor Du 1997, inzwischen dreifache Mutter, dein Psychologiestudium aufgenommen hast. Welche Erfahrungen aus deiner eigenen Schul- und Studienzeit haben Dich im Hinblick auf dein politisches Engagement besonders geprägt?
Barbara Pfeuffer: Dass ich mich heute in der Bildungspolitik engagiere, hat weniger mit meinem eigenen Werdegang zu tun. Auch wenn das vielleicht naheliegend ist. Meine beruflichen Erfahrungen sind bestens geeignet, zu begründen, warum mir Bildungspolitik wichtig ist. Ich habe seit Ende der achtziger Jahre an allen Schularten im dreigliedrigen Schulsystem gearbeitet. Ich kenne die ganze Bandbreite aus eigener Erfahrung. Die großen Unterschiede in der pädagogischen Arbeit, die berufspolitischen Interessen der Lehrkräfte in den verschiedenen Schularten und die Entwicklung der Übertrittsquoten an die weiterführenden Schulen, mit allen damit verbundenen Problemen. Wir müssen den Kindern gerecht werden, den unterschiedlichen Begabungen und den unterschiedlichen Bedürfnissen. Das tun wir derzeit nicht. Wir haben die Übertrittsquoten vor allem in das Gymnasium gesteigert, die pädagogische Arbeit hält aber nicht Schritt. Hier gibt es viel zu tun.

Seit Jahren zeigen zahlreiche Studien, dass schulischer Erfolg in Deutschland sehr stark von der sozialen Stellung des Elternhauses abhängt. Warum hat hier die Politik so versagt?
Barbara Pfeuffer: Das ist ein vielschichtiges Problem, weshalb sich diese Frage nur schwer in Kürze beantworten lässt, schon weil die Unterschiede je nach Bundesland sehr groß sind. Da wir uns aber derzeit im Bundestagswahlkampf befinden, will ich einen Punkt herausgreifen, der aus meiner Sicht einer bundespolitischen Unterstützung bedarf. Nachweislich werden Kinder aus eher bildungsfernen Familien besser gefördert, wenn sie in qualitativ guten Ganztagsschulen beschult und betreut werden. Und genau hier brauchen wir die Unterstützung durch die Bundesebene. Die Bildungsausgaben sind beträchtliche Posten in den Länderhaushalten. Gute Ganztagsschulen sind teuer. Das sogenannte Kooperationsverbot behindert derzeit Finanzhilfen aus dem Bund. Das sollten wir ändern.

Die Grünen stehen dem klassischen dreigliedrigen Schulsystem, bestehend aus Mittelschule, Realschule und Gymnasium, eher kritisch gegenüber. Sollte die Politik die Gemeinschaftsschule, als eine Schule für alle, noch stärker fokussieren?
Barbara Pfeuffer: Die Unterschiede und die Erfahrungen in den verschiedenen Bundesländern sind diesbezüglich recht groß. Bayern hält immer noch strikt am dreigliedrigen Schulsystem fest, was sich, insbesondere bei den mancherorts sehr geringen Schülerzahlen im Bereich der Mittelschulen, schon sehr bald zu einer echten Herausforderung entwickeln könnte. Früher oder später wird sich die Politik den Veränderungen bei der Übertrittsentscheidung stellen müssen. Die Kunst wird darin liegen, Eltern, Kinder und Lehrkräfte mitzunehmen und unser bestehendendes Schulsystem behutsam umzubauen. Ich halte wenig von der Gemeinschaftsschule als weitere Säule, wie das in manchen Bundesländern versucht wird. Wir sollten und müssen aber die bestehenden Schularten weiterentwickeln. Da ist noch reichlich Luft nach oben. Es geht darum, alle Kinder gut zu fördern. Diejenigen mit hohem Begabungspotential genauso wie diejenigen, die sich schwer tun und diejenigen, die sich nicht so gut konzentrieren oder nicht still sitzen können. Dafür braucht es vor allem pädagogische Konzepte. Langfristig werden wir auf eine deutlich längere gemeinsame Schulzeit zusteuern. Da bin ich mir sehr sicher. Aber der Weg dorthin wird lang sein. Auch da bin ich mir sicher.

Ein weiteres Reizwort in diesem Zusammenhang ist das Thema Inklusion, also das Vorhaben Kinder und Jugendliche, die früher aufgrund von unterschiedlichsten Behinderungen in Förderschulen beschult wurden, nun in Regelschulen zu unterrichten. Während Konsens darüber besteht, dass kein Kind nur wegen eines Rollstuhls auf die Förderschule geschickt werden sollte, wird heftig darüber gestritten, in wie weit Kinder mit mehrfachen und /oder geistigen Behinderungen in die Regelschulen integriert werden können. Wo siehst Du persönlich die Grenzen der Inklusion?
Barbara Pfeuffer: Wie du schon sagst, die schulische Inklusion ist ein Reizwort. Betroffene Eltern haben da ganz unterschiedliche Erwartungen. In den letzten Jahren hat man versucht, dem zumindest einigermaßen gerecht zu werden. Die Lehrkräfte haben dabei oft die Hauptlast getragen. Das muss sich ändern. Wir müssen den betroffenen Kindern eine bestmögliche Förderung zukommen lassen und gleichzeitig die soziale Ausgrenzung minimieren. Mir gefällt in diesem Zusammenhang das Konzept der Partnerklassen. Das halte ich für ausbaufähig und geeignet, beim Thema Inklusion einen großen Schritt voranzukommen. Um es kurz zu erklären, Partnerklassen setzen sich aus einer (kleinen) Klasse einer Förderschule und einer (kleinen) Regelklasse zusammen. Es stehen damit durchgängig zwei Lehrkräfte für relativ wenige Schülerinnen und Schüler zur Verfügung. Unterrichtet wird an der Regelschule oder an der Förderschule. Beides ist möglich. Die Entscheidung, eine Partnerklasse zu besuchen, wird von den Eltern frei getroffen. Partnerklassen sind bisher nur an bzw. mit Förderschulen mit dem Profil „geistige Entwicklung“ möglich. Wir sollten dieses Angebot auf alle Förderschulen ausweiten, unabhängig vom Profil. Und weIMG_1292_sRGBnn Eltern von Inklusionskindern dann doch lieber die Sprengelschule wählen möchten, brauchen wir auch an dieser Stelle ein geeignetes Konzept, das den Kindern und den Lehrkräften gerecht wird. Wir werden also auch beim Thema der schulischen Inklusion Geld in die Hand nehmen müssen.

Auf dem Bild: Barbara Pfeuffer als Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Bildung beim Besuch der Jakob-Muth-Schule in Nürnberg. Dort wird das Konzept der Partnerklassen umgesetzt.

Was muss getan werden um den drohenden LehrerInnenmangel abzuwenden?
Barbara Pfeuffer: Ein Lehrer*innenmangel wechselt sich regelmäßig mit einem Zuviel an Lehrkräften ab. Es gibt Zeiten, in denen Bewerber*innen mit nicht optimaler Eignung auf Lebenszeit eingestellt werden und es gibt Zeiten, in denen Top-Kräfte abgewiesen werden müssen, weil es keine offenen Stellen gibt. Oft sind Mangel und Überzahl dann auch noch gegensätzlich an den unterschiedlichen Schularten. Hier sollten wir endlich das grundsätzliche Problem der Lehrer*innenausbildung angehen. Lehrkräfte sollten fachlich und pädagogisch auf hohem Niveau qualifiziert sein und zwar an allen Schularten in gleicher Weise. Hier müssen längst überholte Standesdünkel überwunden werden. Das wird gut sein für unsere Schulen, für die Kinder und am Ende auch für die Berufsgruppe der Lehrkräfte, die dann sehr viel flexibler eingesetzt werden kann.

Bildung endet heute für die meisten Menschen nicht mehr mit dem Schulabschluss. Immer mehr junge Leute wollen studieren. Gleichzeitig bleiben Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt. Und die Wirtschaft bemängelt, dass Hochschulabsolventen oft nicht praxistauglich seien. Was läuft hier falsch?
Barbara Pfeuffer: Auch das ist kein einfaches Thema. Einerseits fordern wir von den jungen Leuten, sich hoch zu qualifizieren. Das sei Garantie für eine gute berufliche Entwicklung und ein finanziell auskömmliches Leben. Wir fordern höhere Abiturientenquoten und bezeichnen genau das als Bildungsgerechtigkeit. Gleichzeitig höre ich, nicht jeder müsse das Gymnasium besuchen, wir bräuchten schließlich auch gute Handwerker. Da werden falsche Schlüsse gezogen und Wertigkeiten hergestellt. Wir reduzieren den Schulbesuch auf den späteren Beruf. Tatsächlich sollte es aber doch um etwas ganz anderes gehen. Und zwar um Bildung an sich, um den Anspruch auf eine gute und umfassende schulische Bildung. In einer demokratischen Gesellschaft gilt dieser Anspruch für jedes Kind, unabhängig davon, welcher Beruf später gewählt wird. Wir wollen doch mündige Bürgerinnen und Bürger und nicht Bildung für eine bestimmte Berufsgruppe. Da müssen wir grundsätzlich umdenken. Und dann müssen wir unsere Einstellung zur beruflichen Ausbildung auf den Prüfstand stellen. Das duale System ist lange Zeit das Erfolgsmodell für die gute wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland gewesen. Vielfach kopiert und letztlich zum Exportschlager geworden, gilt heute die berufliche Ausbildung bei uns als solide, was aber nichts daran ändert, dass das gesellschaftliche Ansehen für ein Hochschulstudium sehr viel höher ist. Dieser Widerspruch ist in den Köpfen drin, das wird sich nicht dadurch ändern lassen, dass man hin und wieder dem Handwerk das Wort redet, nur um im nächsten Atemzug wieder vom Bildungsaufstieg durch ein Studium für Kinder aus Nichtakademiker-Familien zu sprechen. Wir sollten anfangen und dem Handwerk wieder die nötige Akzeptanz zukommen lassen, indem wir praktische Grundlagen an unseren Schulen als gleichwertige Auswahl anbieten. Auch das Handwerk ist Teil unserer Kultur und verdient Wertschätzung. Kinder sollten ihr handwerkliches Geschick erproben können, ohne gleich das Gefühl zu entwickeln, etwas anderes nicht geschafft zu haben. Und an guten Ganztagsschulen sollte der dafür notwendige Zeitrahmen vorhanden sein. Was die Praxistauglichkeit von Hochschulabsolventen anbelangt, so steuert die Wirtschaft mit dem dualen Studium dagegen. Da zeigt sich, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt.

Vor allem im natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich sind in den letzten Jahren zahlreiche neue Studiengänge entstanden. Die Fachhochschule in Schweinfurt plant durch den I-Campus die Zahl der Studierenden von heute 3000 langfristig auf 5000 zu erhöhen. Dieser Tage wurde beschlossen in Nürnberg eine technische Universität mit 6000 Studienplätzen zu gründen. Droht da nicht ein massiver Verdrängungswettbewerb? Was muss getan werden, damit Unis und Hochschulen auf Dauer innovativ in Forschung und Lehre bleiben?
Barbara Pfeuffer: Wir brauchen in Deutschland hochqualifiziertes Personal. Neben der beruflichen Ausbildung nehmen die anwendungsorientierten Studiengänge an den Hochschulen mittlerweile eine bedeutsame Rolle ein und mit den theorieintensiven Studiengängen an den Universitäten sichern wir den Wissenschaftsstandort Deutschland. Es werden also alle Ausbildungsgänge gebraucht. Die Grundlagenforschung ist wichtig und fast immer Voraussetzung für neue Entwicklungen. Bei der praktischen Umsetzung geht es aber oft um eine anwendungsbezogene Forschung. Das ist das Feld der Hochschulen. Der Klimaschutz, der demografischer Wandel oder die Digitalisierung fordern genau diese anwendungsorientierte Forschung. Manchmal, oder fast immer, müssen Theorie und Praxis aber auch erst zusammenkommen. Manchmal weiß der eine nicht, was der andere tut. Damit werden Entwicklungen verzögert. Wir brauchen ein Konzept zur besseren Vernetzung. Das sollte sich im digitalen Zeitalter realisieren lassen. Und letztlich wird sich jeder Euro, der an dieser Stelle investiert werden muss, am Ende auszahlen.

Interview: Stefan Memmel