Interviewserie – Teil 1

Von Unterfranken nach Berlin: Interviewserie mit der Bundestags-Direktkandidatin Barbara Pfeuffer von den Grünen

SCHWEINFURT / KITZINGEN / UNTERFRANKEN – Die Grünen – kaum ein andere etablierte Partei ist so umstritten. Engagierte Klimaretter oder einfach nur selbstgefällige Moralapostel? Progressive Gestalter oder naive Multikulti-Idealisten? Grund genug, Barbara Pfeuffer, der Direktkandidatin für Schweinfurt/Kitzingen für die Bundestagswahl am 24.09. in einer vierteiligen Interviewserie genauer auf den Zahn zu fühlen.

Im ersten Teil unserer Interviewserie spricht Frau Pfeuffer über die Zukunft der Region Schweinfurt-Kitzingen und bezieht dabei auch zu kritischen Themen wie dem Südlink klar Stellung. Pfeuffer spricht über ihre Heimat Unterfranken, zeigt Perspektiven für die Region auf und erklärt, wie sie sich in Berlin für Unterfranken stark machen will.

Barbara, Du bist Unterfränkin von Geburt an, hast bis auf zwei Jahre, die Du zur Ausbildung in Nürnberg warst, immer in Unterfranken gewohnt. Den Wahlkreis 250 kennst Du vor allem durch deine berufliche Tätigkeit an der Grundschule Volkach und am Steigerwald-Landschulheim Wiesentheid sehr gut. Was verbindest Du mit Unterfranken?
Barbara Pfeuffer: Unterfranken ist für mich sehr vielseitig. Das eine Unterfranken gibt es nicht. Wir haben die Studentenstadt Würzburg mit der großen Universität und den zum Teil sehr renommierten Forschungseinrichtungen. Wir haben mit der Industriestadt Schweinfurt ein wirtschaftlich sehr starkes Leistungszentrum. Dort werden viele innovative Produkte hergestellt, gerade auch im Hinblick auf Zukunftsthemen, wie die Energiewende oder die Gesundheitsversorgung. Aber wir haben auch einige sehr strukturschwache Landstriche, etwa im Steigerwald oder der Rhön, die zunehmend abgehängt werden und jungen Leuten kaum eine Zukunftsperspektive eröffnen.

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Okay. Du siehst also sehr unterschiedliche Entwicklungen auf unsere Region zukommen?
Barbara Pfeuffer: Definitiv. Während Oberzentren wie Schweinfurt und Würzburg boomen, bricht auf dem sogenannten flachen Land die Infrastruktur weg. Einzelhandelsgeschäfte schließen, Arztpraxen finden keine Nachfolger*innen mehr, schnelles Internet und einigermaßen vernünftige ÖPNV-Anbindungen sind Mangelware. Damit muss sich die Politik auseinandersetzen.

Das heißt konkret: Noch mehr Geld für ländliche Entwicklung?
Barbara Pfeuffer: Nicht unbedingt. Es hat sicher wenig Sinn Förderprogramme aufzulegen, die dann dazu führen, dass noch mehr Flächen versiegelt und noch mehr Gewerbegebiete ausgewiesen werden. Vielmehr muss in die bereits vorhandene Infrastruktur investiert werden. Dazu gehört die Bestandssanierung innerhalb der Ortskerne, aber auch ein vernünftiger ÖPNV und vor allem schnelles Internet.

Im südlichen Landkreis Schweinfurt wurde eine Rufbuslinie nach nur 11 Monaten Betrieb wegen mangelnder Nachfrage wieder eingestellt? Ist das Bemühen der Politik um mehr ökologische Nachhaltigkeit auf dem Land vergebens?
Barbara Pfeuffer: Nein. Auch auf dem Land gibt es viele Menschen, die gerne auf ihr Auto verzichten würden. Nur die Bedingungen müssen stimmen. Ein Rufbus, den ich bereits eine Stunde vor Abfahrt ordern muss, ist da sicherlich nicht das attraktivste Angebot. Wichtig ist neben dem Angebot der Preis. Es muss sich lohnen, das Auto stehen zu lassen. Und es muss einfach sein, das Auto stehen zu lassen. Hier ist die Bundespolitik gefragt. Es kann nicht sein, dass KfZ-Steuer und Mauteinnahmen nur in noch mehr Autobahnen und Ortsumgehungen fließen, während vorhandene Bahnstrecken, wie etwa die Strecke Schweinfurt-Geo-Wiesentheit brach liegen. Wir brauchen bspw. einen umfassenden Ausbau von „Park and Ride“. Und ein weiterer wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass viele Jobs heute schon von zu Hause aus erledigt werden können. Darauf muss die Politik reagieren; schnelles Internet für alle, das muss die Politik leisten.

Was muss die „große Politik“ in Berlin für Unterfranken tun? Bzw. wie willst Du die spezifischen Interessen der Region in Berlin vertreten?
Barbara Pfeuffer: Zunächst einmal sind die meisten Herausforderungen, mit denen wir uns in Unterfranken auseinandersetzen müssen, ja auch in vielen anderen Teilen der Republik präsent. Es geht um die Gesamtverantwortung, für das Wohl aller in Deutschland lebenden Menschen zu sorgen. Gleichwohl gibt es natürlich Themen, wie etwa die Energiewende oder die Diskussion um einen dritten bayerischen Nationalpark, bei denen das Engagement der Bundestagsabgeordneten vor Ort in besonderer Weise gefragt ist, da solche Projekte nur gelingen können, wenn die Bevölkerung mit einbezogen wird und sich aktiv beteiligt.
Bei aller Verantwortung für das Große und Ganze, darf der direkte Draht zu den BürgerInnen und den verantwortlichen EntscheidungsträgerInnen vor Ort, nicht verloren gehen.

Thema Energiewende. Grafenrheinfeld ist vom Netz. Die erneuerbaren wachsen kontinuierlich. In Unterfranken drehen sich bereits über 200 Windräder. Ziel erreicht?
Barbara Pfeuffer: Leider Nein. Das AKW ist zwar jetzt endlich vom Netz. Aber solange der hochradioaktive Atommüll in Zwischenlagern geparkt ist, ist die Gefahr noch nicht gebannt. Ein Flugzeugabsturz in das sogenannte Zwischenlager würde verheerende Konsequenzen haben. Deshalb brauchen wir höhere Sicherheitsstandards und vor allem eine zügige und transparente Endlagersuche. Es kann nicht sein, dass man gerade hier in Bayern auf den Ausbau der Kernenergie gesetzt hat und sich nun verweigert, wenn es darum geht mögliche Lagerstätten zu erkunden.

Ein weiterer großer Baustein hin zur Energiewende ist der sogenannte „Südlink“ der im Landkreis Schweinfurt enden soll. Braucht es diese Megatrasse?
Barbara Pfeuffer: Klares Ja. Solange keine effizienten, dezentralen Speicherlösungen vor Ort verfügbar sind, brauchen wir starke Stromnetze, die einen europaweiten Lastenausgleich ermöglichen. Dass die Leitungen für die betroffenen Kommunen kein Grund zur Freude sind, ist verständlich. Es hilft auch nicht, heute zu beklagen, dass man nicht rechtzeitig in Forschung und Technologie für die Zeit nach der Kernenergie investiert hat. Vielleicht könnten wir dann heute auf einen Netzausbau verzichten. Aber das ist spekulativ. Und für besonders betroffene Kommunen, wie etwa Bergrheinfeld müssen wir Ausgleichsleistungen in Erwägung ziehen.

Interview: Stefan Memmel